maritim

22. November 2016

Takelsack

Taren • am 22.11.2016 um 11:30 in maritim
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Wenn die Sehnsucht nach dem Meer und dem Schiff so mächtig im Inneren ist, daß alle Träume noch immer von Wellen und Wind und weißem Segeltuch handeln, füllen sich die Tage beinahe automatisch mit Seemannshandwerk. Seit Jahren (wirklich Jahren, so etwa 6…) liegt oben auf meinem Regal eine Tüte voll mit altem Segeltuch von der Seute Deern, und an diesem Wochenende wurde es final Zeit, damit endlich etwas anzustellen. Und was liegt näher für altes, viel gefahrenes und weit gereistes Tuch als ein Seesack?

Also nähte ich mir einen Takelsack, also einen Beutel, der mein Takelmesser, die Aalen und das gewachste Garn, den Bootsmannshandschuh, die Zangen und den Schnüffelhüsing und all dieses Zeugs beinhalten soll, was der wahre Matrose so braucht. Dabei gab ich mir Mühe, all das zu benutzen, was ich im Laufe der Jahre an Bord so gelernt habe: Segelnähte, Marlschläge, gespleißte Grummets und Taklinge, Zierknoten und weiteres. Heraus kam dieser Seesack, mit dem ich angemessen zufrieden bin:

Der Sack als Ganzes:
takelsack

Der „Verschluß“:
verschluss

Eingenähte Grummets als Ösen – und man sieht die Segelnaht, die ich oben für den Rand verwendet habe:
grummets

Das Innere mit dem Boden:
innen

Und die kleinsten genähten Taklinge, die ich je auf Tauwerk gesetzt habe:
taklinge

Yay! Jetzt fehlen mir nur noch ein paar Werkzeuge, um ihn angemessen zu füllen. (=

20. November 2016

To the wind that blows, the ship that goes and the lass that loves a sailor.

Taren • am 20.11.2016 um 19:46 in erlebt, maritim
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Der Wind, der mir scharf ins Gesicht weht, schmeckt nach Regen, Meer und Kälte. Unter meinen Füßen ist nur das etwa fingerdicke Fußpferd der Vorroyalrah, und in der kühlen Luft sind meine Finger, die mit den fest gebundenen Zeisern kämpfen, steif und grobmotorisch. Als ich nach diesem ersten Aufentern ins Rigg wieder an Deck steige, entdecke ich mehrere blutende Wunden auf meinen Handrücken – das Rigg, welches ich drei Jahre lang nicht betreten habe, rächt sich für die Missachtung. Und ich? Ich fühle mich, als würde ich zum ersten Mal seit Jahren wieder Luft bekommen, als wäre ich endlich, endlich wieder ganz erwacht.
Ich weiß nicht, wie genau ich eigentlich die letzten Jahre gelebt habe, wie ich es geschafft habe, auszuhalten, daß ich nicht an Bord eines Schiffes war. Der Alltag, die Arbeit – ja, natürlich. Viele kleine Ersatzhandlungen: die Modellschiffe, der SpoBo, andere Freizeitaktivitäten. Erst jetzt, nach vierzehn Tagen mit Planken unter meinen Füßen, Tampen in den Händen, die meine weiche Doktorandenhaut in Leder und Schrunden verwandeln und mit dem weiten, unendlichen Atlantik um uns herum spüre ich, wie sehr mir das Segeln, das Schiff gefehlt hat. Wie sehr ich selbst mir gefehlt habe, dieses Ich, das nur an Bord eines Schiffes so lang und klar und einfach ist.
Alles, was in diesen Tagen zählte, waren sehr klare und einfache Dinge: wann habe ich das nächste Mal Wache? Wie ist das Wetter, wie ist der Wind? Welche Segel haben wir gesetzt? Wann gibt es das nächste Mal Essen? Wo genau sind wir? Sind Delphine zu sehen? Sterne? Meeresleuchten? Wo ist dieser riesige orangerote Mond von der letzten Nacht?
Ich habe nächtelang in Hängematten gelegen und mich vom sanften Schaukeln des Schiffs in den Schlaf wiegen lassen. Ich war beinah jede Nacht zwischen 0 Uhr und 4 Uhr an Deck, Ruder gehend, Ausguck gehend, mit meiner Wache lachend und scherzend und lernend und Geschichten erzählend und gemeinsam wach. Ich habe Sternschnuppen gezählt und unzählige Wünsche in die Nacht geflüstert. Ich war nachts bei Wind, der in Böen Windstärke 8 hatte, hoch oben auf der Bram und habe Segel beigefangen. Ich habe im Rigg gearbeitet, stundenlang in meinem Klettergurt gehangen und mit Hüsing und Draht hantiert, ich habe mich vom Seegang bei meterhohen Wellen durch die Kombüse schleudern lassen, habe Plätzchen gebacken, bin früh morgens aufgestanden, vor dem Wecken, nach nur zwei Stunden Schlaf, um für die Crew und einen besonderen Matrosen heiße Schokolade zu kochen. Ich wurde im Klüvernetz von Wellen überspült und von Rasmus mehr als einmal gebadet, ich war bei Kap Finisterre im Meer schwimmen und habe in La Coruna in einer Hafenkneipe eine Runde geschmissen. Als hätte ich in diesen zwei Wochen für Monate gelebt.

Jetzt spüre ich die Sehnsucht nach dem Schiff, nach der See und nach den Menschen beinah körperlich auf der Haut. Und doch, trotz dieses Fehlens, ist das Glück dieser zwei Wochen eingraviert in mein Lachen, steckt tief in meinem Bauch und lässt mich strahlen, wenn ich nur daran denke. Und es gibt Pläne, wundervolle Pläne, bald wieder an Bord zu gehen.

„Wir verstecken uns dort, wo die Zukunft uns nicht findet.
Überall, nur nicht daheim.“
Spaceman Spiff – Egal

15. November 2013

Seemann.

Taren • am 15.11.2013 um 10:00 in erlebt, maritim, verzaubert
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Die See hat mich lieb,
die See weiß es gibt
mehr als einen Weg zum Ziel.
Ich vertraue ihr blind,
ich bin ein Kind
der See.

Hafennacht

Zehn Tage auf See, und davon so viele, an denen kein Ufer am Horizont herübergrüßte. Endlos war die Weite der Wellenberge, die das Schiff rollen und stampfen ließen. Gischt schlug über den Bug, und badete alles in ihrer salzigen Flut. Die Bullaugen an meiner Kojen tauchten den Raum immer wieder in tiefgrünes Licht, wenn gurgelnd die See gegen die Scheiben schlug, und Schlaf war beim Schwanken oftmals nur schwer zu finden.
Es war eine wundervolle Reise. Die Stunden der Wache an Deck, in viele, viele Schichten gehüllt, in denen sich unter unseren Füßen unser Schiff unermüdlich dem Ziel entgegenkämpfte, schleudernd in den Gewalten des Meers. Hagel und Regen und Dunkelheit nachts, tagsüber manchmal einzelne herrliche Sonnenmomente, in denen wir plötzlich durch geschmolzenes Gold segelten. Mitunter kauerten sich alle, die nicht Ausguck oder Ruder zu gehen hatten, in kleinste Ecken unter dem Schanzkleid, nur um ein wenig Schutz vor dem Wind zu finden. Kaum einer blieb von Seekrankheit verschont, doch das alles war es wert – hoch oben auf den Rahen der Roald mit Blick über Meer, Wellen und Horizont, mitten in Regen und Gischt und Wind, liegt ein bisschen des reinsten Glückes, Freiheit in weißen Segeln und in rauen Tampen. Bis zur Brust einzutauchen, während man im Klüvernetz die Vorsegel beizufangen versucht, von hochschlagenden Wellen überflossen zu werden im Kampf mit dem widerspenstigen Tuch – nie fühlte ich mich so lebendig wie in diesem Wettkampf mit den Elementen.
Doch es sind nicht nur die lauten, wilden Momente, die den Zauber dieser Reise ausmachen, nein. In einer durchsegelten Nacht unter dem so großen Sternenhimmel stundenlang auf dem Vorschiff Ausguck gehen, umgeben von hunderten und tausenden von Lichtern auf und über dem Meer, und heimlich immer wieder den Blick nach oben erheben, um Sternschnuppen zu zählen, war beinah überwältigennd schön. Morgens von einem fröhlichen „Reise Reise, aufstehen!“ geweckt zu werden, und dann mit einer kaffeegefüllten Mugg schnell schon einmal an Deck zu huschen, um nach Wetter und See zu sehen, oder nachts die Hafenwachen zu zweit, in denen wir mit Tampenjagd und Knotenkunde und Erzählungen die Kälte und Dunkelheit vertrieben. Am letzten Abend die halbe Nacht mit Gitarre durchzusingen und zu lachen – so viele Lieder, so viel Musik!
Generell gab es so viel zu lernen, zu entdecken, zu erkunden! Besonders in den ersten Tagen kam ich kaum jemals zum Atemholen, ein neues Schiff wollte schließlich erobert werden, und immer gab es etwas, bei dem man mit anfassen konnte, bei dem Neues zu erforschen war. Nur zu bereitwillig beugten sich die anderen meinem Wissendurst und zeigten und erklärten mir gern, was immer ich wissen wollte. Überhaupt waren wir eine großartige Crew! So viele interessante und unterschiedliche Menschen, so viel Erfahrung! Um so mehr schmeichelte es mir natürlich, daß sie alle großen Wert darauf legten, aus diesem einmaligem Fremdgehen eine dauerhafte Liaison zu machen, und sie gaben sich große Mühe, mich auch in Zukunft an dieses Schiff zu binden. Natürlich ist es ihnen gelungen, eigentlich hatte ich nie eine Wahl. Was soll man machen, wenn der Captain persönlich einen auffordert, wieder mit ihm auf Reise zu gehen?
Und so ging die Anmeldung für die nächsten Reisen bereits heraus, so viel ist noch zu lernen. Und hoffentlich hilft das Wissen, daß in wenigen Monaten schon wieder Planken unter meinen Füßen sein werden, gegen das Vermissen, das so, so groß ist. Kaum jemals war es so schwer von Bord zu gehen. Und, wer weiß? Vielleicht sehe ich ja auch auf einer anderen Reise einen ganz besonderen Matrosen wieder.
Seeliebe, Seemannsliebe.

19. Juli 2013

Semesterferien

Taren • am 19.07.2013 um 10:19 in maritim
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Gibt es einen besseren Start in diese herrlichen zweieinhalb Monate ohne das nervige Studium, als in die Herzensheimatstadt zu fahren und von dort aufs Wasser zu gehen? Planken unter den Füßen, Wellen und Gischt, Wind und weiße, große Segel, und mich in der Weite des Meeres verlieren – ich freue mich so so so sehr.

20. Mai 2013

Kurs Nordnordost.

Taren • am 20.05.2013 um 12:41 in fühlen, maritim
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Mit hartem Griff zerrt der Wind an meinen Haaren. Ich wende ihm mein Gesicht zu, die Augen geschlossen, und lausche seinem Singen und Pfeifen und Flüstern. Von weit entfernt ist er gekommen, von der Küste, vom Meer, hat sich mit Wolken gebalgt und Regen gebracht, aber auch die Sonnenwärme sanft von der Haut gestrichen.
„Erzähle mir vom Wasser“, bitte ich ihn, ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Ein wenig ziert er sich, pustet mir in die Ärmel und in meinen Ausschnitt, bis ich eine Gänsehaut bekomme, dann lenkt er ein.
„Das Schiff, was du liebst, segelt vor den dänischen Inseln. Sie haben gut Wind, ein paar Seekranke, aber die Segel stehen stolz und gebläht am Wind. Nicht weit davon kämpft eine kleine Yacht mit der Dünung, aber auch auf ihr sind gute Segler.“
„Wie ist es in der Stadt, die ich liebe?“
„Kühl, neblig, bedeckt. Die Menschen verstecken sich lieber in ihren Häusern, anstatt sich auf der Förde mit mir zu messen. Aber das macht mir nichts, ich bin ihnen nicht böse. Bald kann ich viele Tage mit hunderten Booten spielen, und ich habe schon ein paar gute Ideen für Überraschungen.“
Jetzt muß ich lachen. Was wären die zehn Tage im Juni, an denen dort das größte Seglerfest Europas stattfindet, ohne wechselhaftestes Wetter, ohne starke Böen, Regenschauer und Abende, an denen man sich frierend aneinander drängt?
„Der Leuchtturm, an dem du so oft standest in der letzten Zeit, ist grade wieder vom Land abgeschnitten, ich drücke viel Wasser in die Förde hinein. Aber auch er bestellt dir Grüße, natürlich. Die ganze Stadt vermisst dich übrigens ein wenig, es sind schon wieder viele Wochen vergangen, seitdem du das letzte Mal dort warst. Die Möwen sind jedoch frech wie immer und lachen über die Windsbraut, die sich im Binnenland vor dem Meer versteckt.“
Hinter den geschlossenen Lidern verdrehe ich die Augen. Natürlich, was war von diesen geflügelten Biestern schon anderes zu erwarten…
„Auf Deiner Insel gibt es momentan viel Bernstein, und ich soll dir von dem Leuchtturm und den Heidschnucken ausrichten, daß sie sich noch an dich erinnern. Der Bärlauch blüht bereits, und die ganze Insel riecht nach Knoblauch. Sie haben die Netze langsam wieder leer, der größte Flug ist bereits vorbei.“
Ich nicke, das hatte ich mir gedacht.
„Ansonsten nur das übliche. Blaue Nächte, in denen die Sehnsucht nach dem offenen Meer für jeden am Ufer beinah überwältigend wird, so er ein offenes Herz besitzt. Schätze am Meeresgrund, die niemand je finden wird, Meerjungfrauengesänge, die Schiffer in die Irre locken, fremde Häfen, in denen das Glück auf Matrosen wartet, du kennst das ja.“
Ja, das kenne ich. Den Lockruf der Weite hinter dem Horizont, da, wo wochenlang nur Wind und Wellen und Gischt herrschen, das Fernweh, das auf jedem Wellenkamm sitzt und von anderen Ländern und Menschen und Abenteuern erzählt. Hier, auf dem Festland, hat es sich abgeschwächt, doch dafür trägt jeder Windstoß den Ruf der See in sich, die mich vermisst, die ich vermisse, so schmerzhaft, so stark.
Mit einem Sausen, das beinah ein Seufzer ist, streicht mir der Wind über den Kopf. „Ich weiß“, flüstere ich. „Bald. Bald.“

26. Juni 2011

Heute wird wohl kein Schiff mehr geh’n.

Taren • am 26.06.2011 um 21:50 in erlebt, maritim, verzaubert
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Ein Glas auf die Kuh, und eins auf die See!

Erneut zieren blaue Flecken meine Unterarme und Schienbeine, meine Hände sind spröde und rissig. Heute hinterließ ich auf dem Deck der „Roald Amundsen“ einen kleinen Blutfleck, als mich das Einfallen in die Gei der Untermars einen halben Fingernagel kostete, und zahlte somit für diese Woche nicht nur mit Schweiß, und doch war diese Woche jede einzelne Blessur so sehr wert. Das heutige Abschlußfeuerwerk ist mir gleichgültig, denn meine Kieler Woche ging zu Ende, als ich zum letzten Mal über die Gangway „meine“ Schiffe verließ.
Segeln, endlich wieder segeln, so viel Zeit auf dem Wasser, tagsüber draußen auf der Förde und der offenen See bei Wind und Regen und Sonnenschein, aber auch jeder einzelne Abend gemütlich an Deck mit all diesen unterschiedlichsten Menschen, die diese eine Leidenschaft eint, war wunderschön.
„Du strahlst mit jedem Tag heller, und es ist unglaublich!“ Von zwei unterschiedlichen Crews bekam ich jeweils ein Shirt geschenkt, weil ich dazu gehörte, ganz und gar, und jeden Morgen wurde ich neu mit Freude begrüßt und abends mit Wehmut verabschiedet, immer und immer wieder neu. Wir haben gemeinsam gesungen, stundenlang an Deck, immer die gleichen Lieder.

Und gestern – war einfach perfekt. Sonne, zum ersten Mal in dieser Woche strahlend und warm (und prompt so intensiv, daß ich nun doch den lange vermiedenen Sonnenbrand bekam), und ein herrlicher Tag, nach vielen Stunden mit Gesprächen und Schlendern und Unsinn machen. Zum Leinen annehmen trieb es uns doch wieder an den Kai, und dann mischten sich die Stammbesatzungen zum gemeinsamen Essen, nach Aufforderung beider Captains holte ich die Gitarre der Roald, und wir haben gesungen und musiziert. Von zwei Akkordeons begleitet klang meine Stimme mit den Saiten durch die Nacht, inmitten von Menschen, die ich lieb gewonnen habe, und später hielten mich starke Arme und gaben mir Geborgenheit und ein wohliges Kribbeln tief unten im Magen, daß ich alle Vernunft an Land lassen konnte und nur im Augenblick war.
Und heute – erneut im Himmel, hoch oben über allen anderen, Segel setzen und später zur Übergabe weit draußen vor Laboe packen, die Arme lahm vom schweren Segeltuch, aber trotz aller Erschöpfung noch immer brennend vor Freude und Glück.

Wohin die Reise jetzt gehen wird, weiß ich nicht. Bittersüße Müdigkeit dämpft die Welt um mich herum zu einem nebligen Schleier, und mein Bett lacht mich einladend an. Mir wird der Wind fehlen, das Wasser, die Schiffe und vor allem die Menschen, das Sein so hoch oben über den Wellen, vielleicht auch die Umarmungen und Küsse und ganz vielleicht auch er mit seiner Wärme, aber das weiß ich alles noch nicht – und noch kann ich all das Denken einfach mit der Flut hinaus tragen lassen, weil in mir meine Flamme glüht und strahlt.

Ein Glas auf uns, und eins auf die See!

20. Juni 2011

Roald.

Taren • am 20.06.2011 um 21:43 in erlebt, maritim
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Jeder Muskel meines Körpers schmerzt, meine Handflächen brennen und meine Schienbeine sind blau und grün gestoßen, und doch – nie war ich dem Himmel näher als hoch oben auf der Royalrah, der obersten Rah am höchsten Mast, über mir nur die Weite von Wolken und Sonne, und tief, tief unten der schmale Schiffsrumpf, der sich rollend durch die Gischt frißt. Im Schwanken sehe ich oftmals unter mir nur Wasser, von Schaumkronen gesäumt, der Wind zieht an dem Stoff, der mir die Haare aus dem Gesicht hält, und pfeift durch meine Kleidung. Segeltuch in meinen Händen, und alles, was mich hier oben hält, ist der Sicherheitsgurt um meine Hüften und meine Beine auf dem schmalen Stahlseil, das als Trittsteg dient und mit den Schiffsbewegungen und im Wind mitschwingt.
Die später komplett gesetzten Segel blähen sich majestätisch im Wind, ein so ungewohntes Bild in meinen Augen, die Gaffeln anstelle von Rahen gewöhnt sind, aber die über den Bug wehende Brandung und das Salz von Meer und Schweiß auf meinen Lippen sind wieder vertraut. Ich lache, ich lerne und frage und fahre mit Menschen, die mich am Ende dieses Tages gar nicht wieder hergeben wollen, und fühle mich inmitten dieser neuen, fremden Gruppe wohl, weil sie mich aufnehmen.
Später, als in Böen, Regen und Seegang die Segel eingeholt werden müssen und ich erneut ganz hoch hinaus darf, verliere ich endgültig mein Herz an dieses Stahlschiff mit seiner harten, schützenden Hülle und dem weichen Inneren, an sein Rigg und seine Takelage, die mittels unglaublicher physikalischer Leistungen erlaubt, die mächtigsten Elemente zu reiten. Vollkommenes, pures Glück hoch oben über dem Meer.

04. Juni 2011

Blaue Stunde.

Taren • am 04.06.2011 um 00:39 in erlebt, maritim
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Salz schwebt in der Luft, schwer und bitter, vermischt mit dem Ächzen der Fender zwischen Bootrümpfen und Dalben. Über der Stadt atmet ein tiefschwarzer Himmel, in dem sich Sterne ängstlich verbergen, und Pärchen verlieren sich auf der Promenade am Wasser.
Ich weiß nicht genau, was mich heute so befehlend noch an die Förde ruft, in dieser schlafvergessenen Stunde, doch treibt mich Sehnsucht und Neugierde hinaus. Was hält wohl die Nacht für mich bereit?
An hell erleuchteten alkoholschwangeren Buden führt mich mein Weg ans Meer und daran entlang immer weiter die Bucht empor. Lichter spiegeln sich auf den dunklen Wellen, zerrissen und zerflossen, Bojen malen dazwischen ihre sichere Bahn. Ich fahre weiter, an den kleinen Motorbooten vorbei immer höher, lächle wehmütig über die am Ufer grillende Crew zweier Traditionssegler, deren Toplichter ihr Deck tageslicht leuchten, und tauche hinter ihnen wieder in die Nacht. Schwärze um mich herum, kurz vor Mitternacht, und doch fahre ich weiter.
Die letzte Hafenmeile liegt wieder erleuchtet vor mir, im elitären Yachtclub vor blauhalogenem Licht trinken Polohemdenträger ihre Cocktails, und dann öffnet sich die Förde in strahlendem Hellblau. Das letzte Licht des Sonnenuntergangs malt weit hinter der Stadt den westlichen Himmel rosa und licht, und im Wasser spiegelt sich der Horizont, so daß es taghell leuchtet. Ich wende den Kopf, gefangen zwischen Nacht und morgendlicher Helligkeit. Leuchttürme strahlen über den hellen Sund, vermischen sich mit Licht und Schatten, ein hell erleuchtetes Militärschiff zieht in den Hafen.
Ich fahre noch ein Stück, bis ich mich auf die Kaimauer setze und mich ganz der Wahrnehmung hingebe, den Tag inmitten der Nacht in mich hinein atme. Ein einzelnes Segelboot motort langsam an mir vorbei, seine Lichter seltsam verloren in diesem strahlendem Meer von Unendlichkeit. Über der Stadt wacht die Casseopeia, über dem Westen ein helles Blau, und ich stehe und schaue und schaue.
Auf dem Heimweg, in die Dunkelheit hinein, an lachenden, feiernden und verlorenen Menschen vorbei treffe ich wie einen weiteren Beweis des Schicksals auf gute Freunde und laufe mit ihnen gemeinsam in die freitagsabendwache Stadt zurück.

06. Mai 2011

Hamburger Hafengeburtstag.

Taren • am 06.05.2011 um 07:23 in maritim
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Endlich wieder ein paar Tage Schiffe, Wasser, Wind, umher laufen in Segel- und Clipperklamotten, und Sein. Schlafen in einer Koje, abends mit Musik gemeinsam auf Deck sitzen und den Moment genießen, die Kerle, die extra meinetwegen nach ihrem Törn noch vorbeischauen, die Liebste mit dabei – perfekt, einfach perfekt!

10. April 2011

Winterarbeit – mehr Lack als Leder.

Taren • am 10.04.2011 um 23:06 in erlebt, maritim
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Meer wie ein stahlblauer Spiegel, strahlend blank geputzter Himmel, im eiskalten Wasser brennende Fußsohlen – Frühlingsbeginn am Meer. Ich liege zurückgelehnt auf dem Steg des Rudervereins an der Förde, neben mir die Herzallerliebste, Sonne auf den geschlossenen Lidern, Muskelkater von der Arbeit an den Schiffen in Beinen, Armen und Händen, und lausche hinein in dieses sprachlose Glück des Moments, diese unfaßbare Stille angesichts der überwältigenden Realität.

Der Geruch von Metall, Öl und Diesel an meinem Arbeitstshirt, der mir entgegen kommt, als ich es aus der Ecke mit den Taschen, Rucksäcken und Segelsachen ziehe, ist so vertraut, daß mein Magen sich in Vorfreude zusammenzieht. Planken unter meinen Füßen, Wellen, die den Arbeitsponton erzittern lassen, Lachen und Albern und Frotzeleien an Deck, Lack, Farbe, Holz, Verdünnung, und kleine Kratzer auf der Haut von der Arbeit, Sonnenbrand auf den Narben meiner Arme, und ich fühle mich wohl, bin eine andere für ein paar Stunden und Tage. Stark, selbständig, mit frechem Mundwerk und zupackenden Händen, ein junges Mädchen, was sich für keine noch so dreckige Arbeit zu schade ist, was sich die Hände schmutzig macht und zupackt. Stolz, mutig, selbstbewußt, Wissenschaft und Schreibtischarbeit liegen weit hinter mir.

Doch auch die Klaviatur begrüßt mich anschließend mit vertrautem Ton, meine Fingerkuppen, noch rauh und spröde, streicheln sanft über die Tasten. Ich habe sie vermißt.

In drei Wochen nur geht es hinaus auf See, endlich das Festland zurücklassend, weit hinaus in den Horizont.

Vergangenheit -